Meinung

Die Schreie der Mädchen

Am 6. Februar ist der Internationale Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Ziel ist es, mit einem Tabu zu brechen und hinzuschauen. #refujournalists-Autor Garip Matur hat seine Gedanken zum Thema aufgeschrieben.


Das Netzwerk Mädchenbeschneidung Schweiz geht von mehr als 22000 Mädchen und Frauen aus, die in der Schweiz beschnitten sind. (Bild: Unsplash / Matthew Henry)

Garip Matur, Türkei

Garip Matur arbeitet hauptberuflich seit über zehn Jahren mit Flüchtlingen. Er hat gesehen und erlebt wie einfach die Kinder sogar in Europa zu Opfern werden können. Er sagt über sich selbst: «Kinderliebe ist bei mir immer grossgeschrieben. Ich möchte, dass kein einziges Kind Brutalität erfährt».


Bei welchem Namen soll ich euch rufen? Safa? Hamdi? Masika? Oder einem der anderen Namen von Millionen von Frauen?

Wie können wir es geschehen lassen? Haben wir kein Gewissen? Wie kann es sein, dass dieses Ritual heute noch existiert? Ich kann es mir nur so erklären: Was wir nicht sehen, das berührt unsere Herzen nicht.

Ich habe eine Filmaufnahme einer Genitalverstümmelung gesehen und das Geschrei begleitet mich noch immer. Es zerreisst mir das Herz. Ich stelle mir vor, das würde meiner zehnjährigen Tochter geschehen. Ich kann die Schmerzen geradezu fühlen.

Ich sehe ein kleines Mädchen. Eben spielte es noch in seiner Fantasiewelt, doch plötzlich wird es gewaltsam zurück in die Realität gerissen. Wird gefesselt und mit einer Rasierklinge geschnitten.

Haben die Menschen, die dem Mädchen dies antun, Mitleid? Haben sie ein Herz?

Wegschauen, so wie immer

Wenn wir unsere Kinder husten hören, mitten in der Nacht, so stehen wir auf und decken sie zu. Wenn sie weinen, nehmen wir sie hoch und singen bis sie wieder einschlafen. Selbst wenn es Stunden dauert.

Eine Mutter trägt ihr ungeborenes Kind monatelang mit sich und will nur eines: dass ihr Kind gesund und wohlbehalten ist.

Wie können wir dann zulassen, was mit tausenden von Mädchen und Frauen auf der Welt geschieht? Wie können wir davor die Augen verschliessen?

Es scheint gang und gäbe zu sein. Wenn es um Kinder geht, die im Mittelmeer ertrinken. Wenn es um Kinder geht, die in Bergwerken nach Erzen für unsere Handys schürfen. Und wenn es um Kinder geht, denen die Genitalien verstümmelt werden.

Aber wir können uns der Mitschuld nicht entziehen, wenn wir schweigen anstatt dagegen vorzugehen. Das aus Mali stammende Opfer Mariatou Koita drückte es so aus:

Der Tag wird kommen, da werden die Töchter aufbegehren und ihre Mütter verklagen. Und mit Ihnen werden all jene auf der Anklagebank sitzen, die wegschauten, anstatt uns zu beschützen.

Mariatou Koita, Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung

Staaten verdienen Milliarden, indem sie wirtschaftliche Beziehungen pflegen, mit den Ländern in denen die weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird. Wie weit käme man wohl, würde man dieses Geld in die Lösung dieses Problems stecken?

Als Mensch und als Vater schäme ich mich, dass allein heute wieder 8000 Mädchen verstümmelt werden.

Es ist Zeit, auf die Schreie der Mädchen zu hören.

Was ist weibliche Genitalverstümmelung?

Die weibliche Genitalverstümmelung (englisch female genital mutilation, kurz FGM) ist eine Praxis, bei der die äusseren weiblichen Geschlechtsorgane teilweise oder vollständig entfernt werden. Als Grund wird meistens die Tradition genannt. Die Hauptverbreitungsgebiete von FGM sind das westliche und nordöstliche Afrika sowie der Jemen, der Irak, Indonesien und Malaysia. Es wird geschätzt, dass weltweit etwa 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen leben und jährlich etwa drei Millionen Mädchen eine Genitalverstümmelung erleiden.

FGM wird an Mädchen ab dem Säuglingsalter vorgenommen und zum Grossteil unter unhygienischen Bedingungen, ohne Betäubung und von medizinisch nicht geschultem Personal oft mit Rasierklingen, Glasscherben u. ä. durchgeführt. So ist sie meist mit starken Schmerzen verbunden, kann schwere gesundheitliche körperliche und psychische Schäden verursachen und führt nicht selten zum Tod.

Verschiedene staatliche und nichtstaatliche Organisationen kritisieren FGM als Verletzung des Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit.

FGM ist in der Schweiz verboten und gilt als Offizialdelikt. Zudem können Täter in der Schweiz belangt werden, unabhängig davon wo sie die Tat begangen haben und ob diese am Tatort strafbar war. Damit soll verhindert werden, dass Mädchen ins Ausland gebracht und dort verstümmelt werden.

Internationaler Tag gegen FGM

Seit 2003 wird jährlich am 6. Februar mit dem Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung auf das Thema aufmerksam gemacht.

Auch die Fachstelle Integration St. Galler Rheintal macht mit. Am Freitag, 5. Februar 2021, erscheinen auf Facebook und Instagram laufend Fakten und Zahlen zum Thema:

Die Anlaufstelle gegen Mädchenbeschneidung Ostschweiz hat auf ihrem Youtube-Kanal anlässlich des Internationalen Tages gegen FGM ein Video veröffentlicht:

Auf Initiative zweier betroffener Frauen aus Vaduz und St. Margrethen wurde 2019 ein regionales Netzwerk im Kanton St. Gallen aufgebaut: das Projekt «Anlaufstelle gegen Mädchenbeschneidung Ostschweiz». Mädchen und Frauen erhalten Informationen, Nachsorge, medizinische Versorgung und psycho-soziale Beratung. Betroffene, Eltern oder auch Fachpersonen können sich an die Fachstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität wenden und erhalten dort kompetente Beratung und weiterführende Hilfe. In Zusammenarbeit mit den Communities wird die Präventionsarbeit ausgeweitet und das Netzwerk an Beteiligten verdichtet.

Quellen & weiterführende Links:

Wikipedia-Artikel über Weibliche Genitalverstümmelung: https://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Genitalverstümmelung
Terre des Femmes: https://www.terre-des-femmes-ch/de/themen/weibliche-genitalverstuemmelung
Anlaufstelle gegen Mädchenbeschneidung Ostschweiz: https://anlaufstelle-fgm-ost.ch/index.html
Der Youtube-Kanal der Anlaufstelle FGM: https://www.youtube.com/channel/UCkXVjQXNME-ou7_BmMDUJ4A

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